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Erstes Kapitel

Tricity ist momentan der spannendste Ort in Europa. Wenn du mit dem Rad an der weiten Bucht zwischen wachsenden Zentren und verspiegelten Bürotürmen, historischen Gebäuden und weißen Seebrücken voller Touristen wieder berganfährst, wo Gärtner in den Hügeln Beete mit schwarzen Tulpen vor den weißen Architektenhäusern der Reeder und ausländischen Manager wässern und die Plattenbauten der Arbeiter, Armen und Alkoholiker folgen, später die Docks und Kräne, dann biegst du ab Richtung Norden zur Halbinsel Hel. Dort musst du wählen, zwischen dem endlosen Strand der Ostsee mit tobenden Kindern und schläfrigen Eltern links oder den einsamen Kitesurfern rechts in der Bucht vor Gdańsk, Sopot und Gdynia.

„Es ist nicht kalt, du kannst ruhig reinkommen.“

Sie lächelt und gleitet auf dem Rücken durch das glitzernde Wasser. Über ihr schwebt der Mond. 

„Es ist ganz warm. Was ist denn los?“

„Es ist fast Mitternacht, Joni. Wir brauchen mit den Rädern locker zwei Stunden zurück.“

„Das ist kein Grund.“

Hinter ihr funkeln die Lichter von Tricity, nur die bewaldete Steilküste zwischen dem Seebad Sopot und dem Hafen von Gdynia bleibt dunkel. Eine Kette aus Positionslichtern ankernder Schiffe zieht sich wie eine Schnur über das Wasser bis zur Westerplatte, wo Deutschland den Zweiten Weltkrieg begann. Sie warten auf Order aus den Häfen, ihre Hecks zeigen Richtung Gdańsk. Der Wind kommt heute von Nordwest.

„Du kannst den Rucksack auf den Boden legen, hier ist niemand, außer uns.“

„Lass uns gehen!“

„Nando!“, sagt sie und taucht unter.

Ich ziehe mir die Schuhe aus und das blassblaue Hemd, das Joni mir gestern in Sopot auf der Straße Monte Cassino gekauft hat, jener Flaniermeile, mit der die Polen ihr 1. Korps ehren, das 1944 an der Spitze der alliierten Truppen den berühmten Klosterberg in Norditalien von der Wehrmacht befreite. Ich falte das Hemd, lege es auf die Schuhe, dann Hose und Unterhose dazu. Plötzlich kommt Joni wieder hoch und spuckt einen Bogen Wasser.

„Willst du in Socken schwimmen?“

Ich blicke auf meine Füße, wieder zu Joni und wundere mich, dass sie meine Socken in der Dunkelheit erkennen kann. Ich streife sie also ab und gehe zum Wasser. 

„22 Grad“, ruft sie.

Lauwarm fließt es um meine Zehen und Fersen, dann um die Knöchel, die Waden und Schienbeine bis an die Knie. Vor einem halben Jahr ging Jonis erste Mail bei mir in der Berliner Redaktion am Schiffbauerdamm ein: „Lieber Kollege, ich habe Ihre Kontaktdaten im Intranet gefunden. Unsere Nachnamen sind fast identisch. Stammt Ihre Familie auch aus Frauenburg am Frischen Haff? Viele Grüße, Joni Fraunburg, Business Manager, Thomson Reuters Poland.“

Draußen wurde es dunkel, ich war im Verzug mit einer Meldung zum Tarifstreit im Öffentlichen Dienst. Doch ich ließ den Text beiseite, suchte zunächst im Firmennetz, fand nichts weiter zu Joni als ihre Signatur ohnehin verriet. Erst bei LinkedIn konnte ich sehen, dass sie Amerikanerin ist, Stationen in Frankfurt und London bei Reuters durchlaufen und zuvor als Brokerin in der City und Canary Wharf gearbeitet hatte. Dann griff ich zum Hörer und wählte ihre Nummer in Gdynia.

„Gute Hürdenläufer können auch schwimmen“, lacht sie und spuckt einen neuen Bogen Wasser, diesmal in mein Gesicht. „Komm schon!“, sagt sie und zieht mit kräftigen Schlägen davon. Ich hole tief Luft, kraule ihr nach, drücke das Wasser mit Wucht zurück. Das Salz brennt in meinen Augen und das Mondlicht irritiert mich. Großen Vorsprung kann Joni aber nicht haben, nicht auf so kurze Distanz. Vielleicht taucht sie mittlerweile in die Gegenrichtung, damit ich ihr vergeblich folge. Das sähe ihr ähnlich. Doch meine Lage ist wesentlich günstiger als ihre – ich brauche nur zu warten, bis ihr die Luft ausgeht. Also strecke ich die Hände nach vorn und gleite aus. Ein paar Meter vor mir kräuselt sich schon das Wasser. Das wird sie sein. Und dann schnellt sie hoch, wirft ihre Haare nach hinten:

„Wir laden die ganze Familie zu Weihnachten ein, was hältst du davon?“

„Nach Sopot?“

„Na, klar!“, sagt sie und drückt die Arme kräftig durchs Wasser. „So oder ähnlich hat sich das Rebekka doch gewünscht. Charly und Thea sehen sich wieder, du lernst meine Brüder kennen und die Fragen zum Erbe können wir auch besprechen.“

„Und du glaubst, sie kommen alle?“

„Wenn’s um Geld geht, sitzen Lucas und Matthew schneller im Flieger, als du denkst.“

„Ich dachte eher an Charly.“

„Charly kommt definitiv. Das ist wahrscheinlich ihre letzte Chance, Thea wiederzusehen. Oder will Thea etwa nicht kommen?“ 

„Ohne deine Aufwartung in Berlin sicherlich nicht.“

„Aufwartung?“, sagt sie und wischt sich das Wasser aus dem Gesicht. „Was ist das denn für ein Wort? … Muss ich jetzt in die Werkstatt?“

Sie schmunzelt, beginnt zu lachen und ihre Sommersprossen heben sich trotz der Dunkelheit von ihrer hellen Haut ab. Wenn Joni ausgelassen ist, scheinen sich die kleinen Flecken sprunghaft zu vermehren. Sie übernehmen im Nu die Herrschaft unter ihren Augen, über den feinen Wangenknochen und der Stirn. Erneut wirft sie die Haare zurück, langes, kräftiges Haar, das bei Sonnenschein kupfern glänzt. Und dann wird es still. Nur unser Atem ist zu hören. Keine Möwe schreit, kein Wind weht und auch kein fernes Geräusch eines Schiffsdiesels dringt zu uns vor. Die Strände bilden einen unsichtbaren Bogen in der Nacht. Niemand ist hier in der Bucht, außer uns. Ringsum nur Wasser, egal wie weit wir schwimmen. Die Lichter von Sopot und Gdynia funkeln unveränderlich fern und die Halbinsel in unserem Rücken bleibt bis zum Leuchtturm dunkel. Über uns stehen die Sterne nach jedem Armschlag fix am Himmel. Als schwämmen wir für immer mitten in der großen Bucht. Doch Jonis Arme werden langsamer, ihre Schultern stehen jetzt still. Allein ihre starken Beine halten sie oben. Und sie lächelt, reißt den rechten Arm aus dem Wasser, hält ihre Smartwatch vor uns in die Höhe.

„Komm her! Wir machen Charly ein Foto. Und Thea schicken wir’s auch.“

„Thea hat keine E-Mail-Adresse“, sage ich. „Sie ist 92.“

„Charly ist 93“, sagt sie und die Leuchtdiode beginnt zu blinken, Joni packt meinen Nacken, zieht mich näher, küsst meine Lippen und dann folgt der Blitz.

„Salzig“, lächelt sie: „Sie schmecken ganz salzig.“

(c) Andreas van Hooven 2020