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... dann ist Tricity der spannendste Ort in Europa.

Nando (Ferdinand) Frauenburg und Joni (Joanne) Fraunburg lernen sich im Frühjahr 2014 in einer internationalen Nachrichtenagentur als Verwandte kennen. Die beiden Singles Ende 30, passionierte Läufer, verlieben sich und pendeln zwischen ihren Standorten Berlin und Tricity. Sie führen ein internationales Leben ohne Gedanken an berufliche Rückschritte. Ihr Umfeld besteht aus Paaren, die für zwei, drei Jahre in europäischen Großstädten aufeinander treffen und mit Blick auf ihre Karriere bereits Kontakte in die nächste Hauptstadt knüpfen. Das Leben der Manager in Reedereien, Wirtschaftsdiensten, Banken und Pharmaunternehmen ist geprägt von täglich wiederkehrenden Anforderungen im Job. Europa ist für die Akteure Komfortzone, die polnische Dreistadt mit ihrer boomenden Hafenstadt Gdynia und dem morbide luxuriösen Seebad Sopot das letzte kalkulierbare Abenteuer auf dem Kontinent.

Für die Amerikanerin Joni indes weckt die frische Beziehung zu ihrem entfernten deutschen Cousin Nando den Gedanken, mit Ende 30 noch eine Familie zu gründen und eine europäische Staatsbürgerschaft zu erlangen. Getrieben ist sie von einem Trauma, Anfang der 2000er Jahre nach dem Verlust ihres Jobs als Brokerin in London am Flughafen ausgewiesen worden zu sein und Wohnung und Besitz infolge der Einreisesperre per Telefon vom Ausland verkauft haben zu müssen. Joni schmiedet den Plan, Nando durch ein gemeinsames Kind und den Kauf einer leicht verfallenen, kleinen Villa im Zentrum des Seebades an sich zu binden. Sie setzt die Pille ab und verheimlicht Nando die Schwangerschaft zunächst.

Das Geld für den Kauf der kleinen Villa nahe der Flaniermeile Monte Cassino in Sopot will Joni aus dem Erbvermögen der Familie nehmen. Bereits in der Eingangsszene erfährt der Leser von einem Trust, der in den USA aus der Erbmasse von Rebekka Fraunburg gebildet wurde: Das Testament bestimmt Joni zur Nachlassverwalterin. Die Verstorbene hatte ihrem letzten Willen jedoch ein bedingendes Vermächtnis vorangestellt: Der amerikanische und der deutsche Zweig der Frau(e)nburgs, die sich 1945 in Ostpreußen auf der Flucht unter ungeklärten Umständen getrennt haben, müssten wieder zusammenfinden. Andernfalls fiele das Vermögen des Vermächtnisses an die Stiftung einer Bank.

Joni lädt die potenziellen Erben – aus den USA ihre Großmutter Charlotte, ihre Brüder Lucas und Matthew mit Frauen und Kindern sowie Nandos Großmutter Thea aus Deutschland –  nach Sopot ein. Im Grand Hotel kommt es vor den Augen von Nando zum Kampf um das Geld. Kaltblütigkeit und leidenschaftliche Strebsamkeit bestimmen die Familiengeschichte auch in der Gegenwart. Die Großmütter Charly (Charlotte) und Thea (Dorothea) öffnen dabei den Blick auf verschwiegene Kapitel der Familiengeschichte zwischen besitzendem Junkertum, mordenden SS-Männern, schicksalshaften Toden und Flucht.

Abseits des Erbstreits verkündet Joni ihre Schwangerschaft. Sie treibt den Kauf des Hauses nahe der Flaniermeile Monte Cassino voran. Sie glaubt ihr Familienglück verwirklicht. Doch Nando hadert mit dem Gedanken, seine Karriere zu opfern, sieht er als deutschsprachiger Journalist in Polen doch keine Perspektive für sich außer der des arbeitslosen Familienvaters. Aus der anfänglich nur sportlichen Rivalität des Paares erwächst eine weitere familiäre Machtprobe. Wechselnde Aufenthalte in Berlin und Tricity ändern die jeweilige, zentrierte Perspektive der beiden kaum. Nando zögert seine Entscheidung immer weiter hinaus und gerät zudem beruflich in Schwierigkeiten: Nach über zwölf Jahren Alltagsgeschäft im Nachrichten-Journalismus will er sich nicht länger auf Neutralität berufen. Er ringt um seine Haltung. Mit Gedanken über die Flüchtlingsproblematik an den Grenzen Europas bringt er die Redaktion gegen sich auf und trennt sich im Frühjahr 2015 vom Unternehmen, um seiner Entlassung zuvorzukommen.

Joni verschweigt er dies. Frei von vertraglichen Pflichten kann er sich dennoch nicht für die Familie und Tricity entscheiden. Jonis Schwangerschaft entwickelt sich derweil problematisch. Auch droht sie den Kampf um das Erbe zu verlieren, ebenso stocken ihre Pläne zum Kauf des Hauses. In der 34. Schwangerschaftswoche, kurz vor dem geplanten Kaiserschnitt, besucht sie mit einer Freundin einen Sportwettkampf in Sopot. Nando ist zeitgleich zu einem langen Lauf über die entfernte Halbinsel Hel aufgebrochen.

Während seine Entscheidung reift, Berlin zu verlassen und mit Joni in Tricity neu anzufangen, zieht ein Unwetter auf.